Flipped Classroom – (m)eine Never Ending Story

„180grad-flip“ geht in das dritte Schuljahr


12. November 2016

Konzepterweiterung für das Schuljahr 2016 / 2017

Der Flipped Classroom wird in seinen Beschreibungen häufig auf das Video reduziert und dieses zu sehr in den Fokus gesetzt, was dem Konzept nicht gerecht wird. Der Videoeinsatz ist zwar ein tragendes Element, jedoch bei weitem nicht die eierlegende Wollmilchsau, mit der alles besser wird. Kein noch so gut aufbereitetes Video per se macht die SchülerInnen bzw. den Unterricht automatisch besser.

Aus meinen Erfahrungen der Vorjahre heraus kann ich sagen, dass es das komplette Lernarrangement ist, das passen muss. Das Video ist in meinem Flipped Classroom mittlerweile zu einer der drei tragenden Säulen geworden, die das Dach einer gewinnbringenden, vielfältig nutzbaren, zeitlich längeren Präsenzphase stützen bzw. ermöglichen.

Neben der Video–Säule wird im Schuljahr 2016 / 2017 mein Flipped Classroom von zwei gleichwertigen Säulen ummantelt: der Quiz–  und der Skript–Säule.

Die Videos

In den ersten beiden Jahren waren die Videos ausschließlich als Vorbereitung auf die Präsenzphase dieser vorgeschaltet. Sie dienten der reinen Inhaltsvermittlung mit dem Mehrwert des Zeitgewinns zur Übung und Vertiefung in der Schule.

Der Einsatz kann jedoch wesentlich vielfältiger erfolgen, was ich in diesem Jahr verstärkt umsetzen möchte:

Ein unterstützendes Video kann sowohl im Unterricht, als auch als dessen Nachbereitung (siehe hier) seine Anwendung finden. Auch ein Impulsvideo, das nicht alles erklärt, sondern ergebnisoffen und problemorientiert ist, kann zum Einsatz kommen und so selbstständige Problemlösestrategien einfordern. (siehe hier)

Außerdem wird auch in diesem Jahr, orientiert an der Methode „Lernen durch Lehren“, das Erstellen bzw. Produzieren eigener Erklärvideos durch meine SchülerInnen wieder auf dem Programm stehen.

Die Quizzes

Aufgrund der bereits im Erfahrungsbericht erwähnten subjektiv empfundenen Motivationsprobleme einiger SchülerInnen meiner Klasse 10 im letzten Schuljahr war mir klar, dass ich im Schuljahr 2016 / 2017 ein Instrument "einbauen" werde, das das gewissenhafte Bearbeiten des Videos unterstützt. Dieses soll primär meinen SchülerInnen ein direktes Feedback bezüglich des Inhaltsverständnisses geben, jedoch auch für mich eine einfache, zeitsparende Möglichkeit der Hausaufgabenkontrolle sein, die die Präsenzphase vom zeitlichen Faktor her nicht tangiert.

Da das Konzept des Flipped Classrooms jedoch in nicht unerheblichem Maße von der gewissenhaften Vorbereitung der SchülerInnen abhängt, erprobe ich in diesem Jahr diese Ergänzung zu den Videos.

Konkret bedeutet dies, dass meine SchülerInnen im Anschluss an die Bearbeitung des entsprechenden Videos ein passgenaues Quiz (Learningapps.org), momentan bestehend aus 6 Fragen im „Wer wird Millionär“ – Stil, lösen müssen. Die Quizzes (wie z.B. hier) fassen nochmals prägnant die wichtigsten Inhalte der Videos zusammen und geben so, bei gewissenhafter Bearbeitung, eine direkte Rückmeldung bezüglich des Verständnisses. Da sich die SchülerInnen vor dem Lösen eines Quizzes mit ihrem von mir eingerichteten Account einloggen, sehe ich, wer das Quiz gelöst hat und wer nicht. Bis zum jetzigen Zeitpunkt werden die Quizzes von meinen SchülerInnen gut angenommen.

Langfristig möchte ich in diesem Schuljahr die Schüler insofern mit ins Boot holen bzw. ihre aktive Mitarbeit einfordern, als dass auch sie zu ausgewählten Videos zugehörige Quizzes erstellen sollen.

Die Skripte

Parallel zu den Videos und den Quizzes stellen die begleitenden Skripte die dritte Säule dar, die sowohl in der Selbstlernphase zu Hause, als auch in der Präsenzphase in der Schule ihre Anwendung finden.

Die Skripte, die ich in diesem Schuljahr nochmals komplett überarbeitet habe, sind die zielgerichtete  Navigation durch das gesamte Kapitel, welche den individuell steuerbaren Lernprozess begünstigen bzw. unterstützen. Sie enthalten alle zu den Einführungs- und Nachbereitungsvideos notwendigen Handouts, sowie sämtliche zum jeweiligen Videoinhalt passenden Übungsaufgaben inklusive aller Lösungen.

-- Dank geht an Marcus von Amsberg für die Grundidee --
-- Dank geht an Marcus von Amsberg für die Grundidee --

Seit diesem Schuljahr existiert in den Skripten erstmals die Option QR- Codes zu nutzen, die den Schüler auf unkompliziertem Weg direkt zu dem gewünschten Video, Kapitel oder Quiz führen. Vor allem bei der Vorbereitung auf Klassenarbeiten bietet dies meinen Schülern die Möglichkeit, den Stoff individuell und punktuell aufzufrischen. 

Neben den beiden digitalen Elementen „Video“ und „Quiz“ ist mir absolut wichtig, dass meine SchülerInnen etwas in die „Hand“ bekommen, das sie sowohl zu Hause, als auch beim weitgehend analogen Arbeiten in der Schule begleitet.

Der konkrete Ablauf 2016 / 2017

Zu Beginn eines jeden Kapitels bekommen meine SchülerInnen das jeweilige Skript, den Wegweiser mit allen notwendigen Inhalten, ausgeteilt und der zeitliche Rahmen zur Bearbeitung wird abgesteckt. In Form eines Wochenplans stelle ich Woche für Woche die jeweils relevanten Informationen (zu bearbeitende Videos etc.) transparent in der „Newsbox“ der jeweiligen Klasse bereit. Ich versuche dadurch vor allem die SchülerInnen, die Probleme mit selbstorganisiertem Lernen haben, an die Hand zu nehmen und diesen so einen roten Faden der Orientierung zu bieten. Ich gebe trotz allem, weil es sich auch bei meiner jetzigen 10. Klasse im letzten Schuljahr mehrfach bewährt hat, fleißigen, stärkeren SchülerInnen die Möglichkeit inhaltlich vorzuarbeiten. Durch diese Vorarbeit einiger, ergibt sich nochmals einfacher die Möglichkeit, wie auch schon im Vorjahr durchgeführt, eines effizienten Peer – Tutoring in der Präsenzphase, mit der zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden können: Zum einen profitieren die Schwächeren davon, dass ein Mitschüler ihnen den Sachverhalt auf Augenhöhe erklärt. Zum anderen ist dieses Coachen auch für den Starken gewinnbringend, da er den Sachverhalt nochmals tiefer durchdringt, indem er ihn nochmals einem Mitschüler erklärt.

Das Schaffen einer vertrauensvollen Arbeitsatmosphäre zwischen allen Beteiligten ist meiner Ansicht nach die zentrale Aufgabe, die es zu erreichen gilt, um den Erfolg jedes Einzelnen sichern. Entsprechend versuche ich einen offenen, ehrlichen, authentischen, aber auch bezüglich der zu erreichenden Ziele absolut verbindlichen Umgang mit meinen SchülerInnen zu pflegen.

Neben den eingebauten Quizzes als eine Form eines direkten Feedbacks werden in diesem Schuljahr zusätzlich regelmäßige Feedbacks in Form von Leistungsüberprüfungen (neben den verbindlichen Klassenarbeiten) stattfinden. Diese Vorgehensweise ist eine Folge der letztjährigen Evaluation, in der dies von meinen Schülern eingefordert wurde.

 

Meine doppelte Rolle im Konzept

In den letzten Jahren nehme ich wegen der Veränderung in der Schullandschaft wahr, dass sich aufgrund dessen auch die Lehrerrolle wandelt (bzw. wandeln soll / muss).

Der Frontalunterricht und der damit verbundene im Zentrum stehende Lehrer, der Wissen vermittelt und dieses mit Hilfe des „Nürnberger Trichters“ in die Köpfe der Schüler füllt, wird zusehends kritisiert und ist scheinbar nicht mehr zeitgemäß. Der Lehrer soll sich aus dieser zentralen Rolle zurückziehen und zum Lernbegleiter bzw. Lerncoach werden. Der Schüler rückt ins Zentrum des Geschehens, bestimmt die für ihn relevanten Lerninhalte möglichst selbst und wird hierbei vom Lehrer in seinem selbstgesteuerten, möglichst intrinsisch motivierten Lernprozess unterstützt und begleitet.

Weder ausschließlich das eine noch ausschließlich das andere kann in meinen Augen die richtige Lösung des „Problems“ bzw. Reaktion auf diese Veränderung sein. Der Flipped Classroom bietet mir die Möglichkeit beiden Rollen gerecht zu werden.

In meinen der Präsenzphase ausgelagerten Videos schlüpfe ich größtenteils in die Rolle des vortragenden, erklärenden Lehrers mit dem Vorteil, dass man mich beliebig oft zurückspulen, stoppen, nochmal anschauen etc. kann, was der traditionelle Lehrervortrag nicht leisten kann. Aufgrund dieser Auslagerung und des damit verbundenen Zeitgewinns eröffnet sich für mich nochmals mehr die Möglichkeit in der den Inhalt vertiefenden Präsenzphase in der Schule die Rolle des Berater und Begleiters einzunehmen, um so jedem meiner SchülerInnen individuelle Unterstützung und Hilfe geben zu können.

Ich werde somit beiden Rollen gerecht, was mir vorher nicht in dieser Fülle möglich war.

 

Die lehrerzentrierten Anteile (reine Erklärvideos) und die geradlinige Führung durch die Lerninhalte (Skripte) im Konzept sind nicht zu leugnen, haben aber in meinen Augen eine wichtige, notwendige Daseinsberechtigung und sind die Basis, die eine Entwicklung hin zum selbstorganisierten Lernen gewährleisten. Einem Realschüler eine Struktur bzw. einen roten Faden vorzugeben ist in meinen Augen unumgänglich und für dessen langfristigen Erfolg zwingend notwendig.

 

Ebenso charakteristisch im Konzept sind aber auch die schülerzentrierten Anteile, die sich dadurch ergeben. Bedingt durch die klare Strukturierung, die Verfügbarkeit der Inputs in Form von Videos und der regelmäßigen Lernkontrollen entwickelt sich schrittweise die angestrebte Selbstständigkeit bezüglich des eigenen Lernprozesses, was nicht zuletzt vor allem in der Präsenzphase gefördert und begleitet werden kann.

 

Abschließend kann ich sagen, dass es mir zu Beginn des Projekts bzw. dessen praktischer Umsetzung zunächst darum ging, einen neuen Weg des Unterrichtens einzuschlagen und einfach mal dem Pragmatismus folgend loszulegen. Per „Trial and Error“ habe ich dann, wie im Erfahrungsbericht beschrieben, versucht, im Sinne des Lernerfolgs meiner Schüler das Unterrichten unterstützt durch den Einsatz von Erklärvideos stetig zu verbessern.

Jahr für Jahr merke ich mittlerweile, dass es etwas am Konzept zu verändern gibt und lerne aus gemachten Fehlern bzw. aus Dingen, die sich bewährt haben. Ich bin gespannt, wie meine Never Ending Story weitergeht und freue mich auf den weiteren Verlauf des aktuellen Schuljahrs und die Umsetzung der neuen „Optimierungen“. Mit Sicherheit wird es auch im darauffolgenden Jahr Schrauben geben, die neu justiert bzw. festgezogen werden müssen.

 

Wir werden sehen :-)




Kommentare: 1
  • #1

    Franziska Raabe (Montag, 28 November 2016 08:39)

    Hallo Sebastian,
    vielen Dank für deinen Erfahrungssammlung. Ich bin in einem nichtschulischen Kontext von Kahoot begeistert. In dieser Quizzvariante kannst du mit den Schülern im Klassenraum spielen und es gibt eine namenlose Anzeige der Antworten und dann eine Rangfolge (mit Namen) die Geschwindigkeit anzeigt. Es hat mit einer Gruppe von 15 viel Spaß gemacht.
    https://getkahoot.com/
    https://kahoot.it/#/

    Vielleicht passt das auch für dich,
    viel Spaß dabei
    Franziska